Der Brand von Neuenrade (1714)

 

Zu den erschütterndsten Bränden, welche die Städte und Dörfer des

heutigen Kreises Altena jemals heimgesucht haben, gehört der Brand

der Stadt Neuenrade vom 2. August 1714. Noch heute können wir nur

mit tiefer Ergriffenheit die alten Schriftstücke lesen, die das Geheime

Staatsarchiv in Berlin darüber verwahrt (Rep. 34, Nr. 9/1). Gleich an

dem Tage nach der Feuersbrunst wandte sich der Droste von Neuen­-

rade, Franz Bernhard Johann von Neuhoff zu Pungelscheid, mit einem

Schreiben unmittelbar an den König Friedrich Wilhelm 1. nach Berlin,

um ihn um Hilfe für seine Amtsinsassen zu bitten; dieses Schreiben

hat folgenden Wortlaut:

 

Allerdurchläuchtigster pp. Ew. Kgl. Maytt. solle hiedurch allerunter­-

thänigst wehmüthigst berichten, wie das gestern ohngefähr zwischen

1 und 2 Uhr nachmittage in der mir allergdst. mit anvertrauten Stadt

Neuenrade, der gemeinen Rede nach und, soviel man noch zur Zeit

erfahren können, in eines Bürgers namens Johann Bußmanns Haus

ohnvermutet eine Feuersbrunst leider! entstanden, welche bey jetziger

trockener Zeit und, da die Bürgers und deren Gesinde guten Theils

im Heumachen außer der Stadt beschäftiget und theils ihrer Nahrung

halber ausgereiset waren, dermaßen um sich gewüthet, daß innerhalb

zweyen Stunden die ganze Stadt im Feuer gestanden und nach der in

aller Eyl auf meine gegenwärtige Veranlassung aufgenommenen hiebey­-

gefügten ohngefährlichen Specification einhunderteilf Häuser theils

oben her abgebrandt und durch Gottes Gnade mit Hülf der hinzuge-­

kommenen Amts‑Eingesessenen unten her noch in etwa gerettet und

gelöschet, theils aber bis in den Grund mit Hausgeräthe und den

Mobilen gänzlich eingeäschert, nur daß die Kirche und sieben Wohn-­

häuser, worunter das Pfarrhaus, von solchem Feuer gerettet und be­

freyet worden, wobey nicht allein vielen ihr Vieh mitverbrannt und

verdorben, sondern es hat auch ein Bürger namens Johannes Baulen

darin ersticken und sein Leben mit Hinterlassung Weibs und ohn-­

mündiger Kinder, einbüßen müßen, und einige Männer, Frauens und

Kinder, so von dem Ihrigen noch etwas retten wollen, sich dergestalt

von der Feuersbrunst am Leibe beschädigt und verhitzet, daß schwer­-

lich wieder recht davon genesen werden.

 

Weil nun dieses Städtlein in ao. 1687 im Juni bis auf neun Häuser und

das Rathhaus, in ao. 1695 im Decembri aber sammt Kirchthurm, Rath‑,

Pfarr‑ und Schulhäusern bis auf drey Häuser abgebrannt und also in

Zeit von 27 Jahren dreymal ein schreckliche und heftige Feuersbrunst

erlitten, sodaß die geringe Einwohnere, welche mehrenteils von ihrem

Ackerbau und Viehzucht sich nähren müssen, bey jetziger theuren

und geldlosen Zeit, und da das Bauholz bey vorigen Brandschäden

guten Theils verhauen und anitzo wenig mehr vorhanden ist, schwerlich

dahin gelangen werden, daß sie ihre Wohnhäuser wieder aufbauen

und die im Felde stehende, meist Haber‑Früchte ‑zu nöthigen Unterhalt

einsammeln können, wann ihnen nicht mit einem zulänglichen Zu‑

schub unter die Arme förderlichst gegriffen wird, dahero dieselbe der,

allerunterthänigsten Hoffnung leben, Ew. Kgl. Maytt. werden in Be‑

herzigung dieses erbärmlichen, Unglücksfalls und des armseeligen. Zu­-     

stands dieses höchst unglücklichen Städtleins und dessen Einwohnere       

aus landesväterlicher Vorsorge und Milde in allerhöchsten Gnaden     

verordnen, damit denen Abgebrannten auf die bestthunlichste Weise

durch eine erkleckliche Beysteuer aus hiesigen Dero Landen zur Er­-

bauung der Wohnhäuser fördersamst beygesprungen, und zu deren   

höchstnöthiger ferneren Soulagirung, wie bey vorigen großen Brand   

auf zwölf Jahr geschehen, also auch diesmal eine Befreyung von

Steuern auf etliche Jahre concediret werden möge.  

P u n g e 1 s c h e i d in der Graftschaft Marck, den 3. August 1714.  

       

Auch die Einwohner selbst wandten sich am folgenden Tage in der

gleichen Angelegenheit an den König; ihr Schreiben ist fast in den    

nämlichen Ausdrücken abgefaßt, wie das des Drosten, darum erübrigt

sich eine wörtliche Wiedergabe; es sei hier nur das hervorgehoben,  

was zur Ergänzung der Angaben des Drosten dienen kann. So betonen               

"Bürgermeister, Raths‑ und Gemeinsglieder der Stadt Neuenrade": daß      

an dem fraglichen Donnerstag ein sehr "truckenes Wetter" geherrscht

habe; das verunglückte Vieh werde gewöhnlich "zu Mittag von der     

Weyde eingetrieben und (habe) in so geschwinder Eyll nicht salviret

werden können": von den verletzten Leuten lägen "Wilhelm Dunker,

Friedrich Honigmeyer, Johannes Köhne und dessen Hausfrau auf den

Todt nieder." Sie bitten den König auch "in Dero gesampten Landen  

durch Aufsetzung der Becken ein Collecte zu samblen". Unterschrieben              

ist das Schriftstück von "Christopher Pöpinghaus, Consul; Johannes   

Quinck, Rathsverwandter; Diderich Uberbeck, Rathsheer; Friedrich     

Küchen namens der ganzen Gemeine".  

Die sowohl dem Schreiben des Drosten, als demjenigen der Stadt, bei‑      

gelegte Specification hat folgenden Wortlaut:

         

Ohngefährliche Specification

derjenigen Häuser, so durch eine anheut, den 2. August 1714 in der  

Stadt Neuenrade der gemeinen Rede nach an dem sog. Bußmanns Haus            

unvermuthet und ohne zu wissen, wie es seinen Zugang gehabt, ent‑       

standenen Feuersbrunst zum Theil gänzlich eingeäschert und zum Theil     

unten kalt gebliebenen Wohnhäuser.    

 

Auf der hintersten Straßen:        

                                       

1.     Jacob Schmits Haus                     5.     Gerh. Herm. Bressers Haus                  

in den Grund verbrannt,                        unten her mehrentheiils kalt

geblieben und geleschet worden,  

2.     Clemens Husebergs Haus             6.     Christoph Honigmeyers Haus

3.     Clemens Hasenkampfs Haus         7.     Bernhard vorm Holte Haus                    

4.     Diederich Boeks Haus                          in den Grund abgebrannt,    

8.     Joh. Adolph von der Cronen           14.    Joseph Galloh Haus

Haus, unten her geleschet,           15.    Herman Köhnen Haus

9.     Gerhard Wortmanns Haus             16.    Died. Overbecks Haus

        in den Grund abgebrannt,                     unten her noch geleschet und

10.    Bertram Greven Haus                           gerettet worden,

11.    Gerhard Stempers Haus                17.    Heinr. Stempers Haus

12.    Jorgen Degenharts Haus                       bis in den Grund verbrannt

untenher mehrenteils geleschet     18.    Meister Mathias Viehofs Haus

        und gerettet,                                      unten her geleschet,

13.    Wilhelm Schmölders Haus             19.    Fried. Wevels Haus

        vornher in den Grund abge‑           20.    Jörgen Bittern Haus

        brannt, hintenher noch eine                  bis auf den Grund verbrannt

        Stube geleschet,

 

Auf der nächstfolgenden S t r a ß e n

 

21.    Johann Herfelds Haus                  37.    Stephan von Dresel Haus

22.    Christoph Herfelds Haus                       halb untenher geleschet,

bis auf den Grund verbrannt,         38.    Jörgen Kohlhagen Haus

23.    Johann Hüsebergs Haus               39.    Joh. Died. Degenhards Haus

24.    Brm. Pöpinghausen Haus                      unten her geleschet worden,

25.    Thomas Wibberdicks Haus            40.    Gerhard Bitters Haus

Diese drey seynd untenher ge‑              bis auf den Grund verbrannt,

leschet und gerettet worden,        41.    Peter Kohlhagene Haus

26.    Johan Degenhards Haus               42.    Melchior Husebergs Haus

        bis auf den Grund verbrannt,         43.    Joh. Bußmanns Haus

27.    Johan Diederich Herbergs Haus              bis auf den Grund abgebrannt,

28.    Wilhelm Dunkers Haus                 44.    Johan Hamerschmids Haus

29.    Mertin Stempers Haus                  45.    Henrich Brinks Haus

30.    Brm. Scheven Haus                      46.    Gerhard Lindsiepen Haus

31.    Herman Büschen Haus                         bis auf den Grund verbrannt,

32.    Peter Rademachern Haus              47.    Johan Köhnen Haus

33.    Henrich Beckers Haus                   48.    Wilhelm Schmits Haus

untenher mehrentheils geleschet   49.    Gerhard Stövers Haus

und gerettet worden,                   50.    Wittibe Petern Lindsiepen Haus

34.    Philipp Kuchen Haus                    51.    Joh. Diederich Lindsiepen Haus

35.    Peter Bernegaus Haus                          untenher, mehrentheils ge­

36.    Johan Stövers Haus                             leschet und gerettet worden,

        Diese drey sind ganz zugrunde

        gebrannt,

 

Auf der Mittelstraßen

 

52.    Wittiben sel. Moritz Werdes          54.    Mathias Beckers Haus

        Haus                                         55.    Anton Adrians Haus

53.    Johan Reinecken Haus                          unten her geleschet,

 

56.    dessen Nebenhaus                      63.    Casparn Beckers Haus 

        bis auf den Grund verbrannt,                 bis in den Grund abgebrannt,       

57.    Diederich Storcks Haus                 64.    Clemens von der Cronen Haus      

58.    Job. Bernh. Rademachern Haus      65.    Wittiben Clemens Kohlhagen

        untenher geleschet,                             Haus, unten her gerettet,    

59.    Friedr. von der Cronen Haus          66.    Peter Aldenhoff Haus  

        mit 6 Stück Vieh und allem           67.    Clemens Kuchen Haus 

Hausgeräthe bis in den Grund       68.    Brm. Quincks Haus

        verbrannt,                                  69.    Clemens Dunckern Haus      

60.    Brm. v. d. Cronen Haus                        untenher mehrenteils gerettet      

        untenher gerettet,                               und geleschet worden,

61.    Johan Baule Haus                        70.    Bernhard Werdes Haus

        bis auf den Grund verbrannt                  bis auf den Grund abgebrannt,     

        und der Mann darin ersticket         71.    Wittibe Philipp Büschen Haus       

        und gestorben,                           72.    Bernhard, Diepmans Haus    

62.    Hermann Kohlhagen Haus             73.    Jörgen Bernegaus Haus       

        bis auf den Grund verbrannt          74.    Clemens Kemmers Haus      

        samt Pferde und Kühen,                       untenher geleschet,    

       

 

Neuenrade 1771          Ausschnitt aus der Karte von Johann Heinrich Merner

(Burgmuseum Altena)

 

75.    Joh. Herrn. Hapen Haus                79.    Annen von Stein Haus

        in den Grund verbrannt,                        bis zum Grund verbrannt,

76.    Wittibe Elseken Storcks Haus        80.    Schulten im Steinhaus Haus

        untenher gerettet,                       81.    Erben Wehdags Haus

77.    Peter Wilken Haus                               untenher gerettet.

78.    Joh. von Steines Haus

       

Auf der vordersten Straßen:

 

82.    Johann Bittern Haus                    100.  Friedrich Kuchen Haus

        bis auf den Grund verbrannt,         101.  Joh. von der Crone Haus

83.    Erben Hopmans Haus                   102.  Henr. Biermanns Haus

84.    Mathias Kösters Haus                  103.  Mathias Kohlhagen Haus

85.    Schulten Henrich Dunkern Haus     104.  Herm. von Huinckhausen Haus

86.    Diedrich. Hapen Haus                   105.  Niclaes von der Cronen Haus

87.    Job. Henr. Bogen Haus                 106.  Ludwig Köhnen Haus

        untenher mehrentheils geleschet, 107.  Caspar Busen Haus

88.    Jorgen Werdes Haus                    108.  Wittibe sel. Volm. Quincks Haus

        untenher geleschet,                     109.  Johan Schulten Haus

89.    Fried. Honigmeyers Haus

        bis auf den Grund verbrannt,         110.  Brm. Hapen Haus

90.    Gerhard Sanders Haus                          Diese umzogene Häuser (90 bis

                                                                110) sind untenher mehrentheils

91.    Adolph Köhnen Haus                            gerettet und gelöschet, jedoch

92.    Peter Schmalen Haus                           aber ist es hier und da, ein

93.    Juden Josephs Hertz Haus                    wenig eingebrannt und die

94.    Das Schulhaus                                    Glasefenster alle verdorben

                                                                auch Friederichen Kuchen alle

95.    Das Rathaus                                       seine Kühbesten, so in der

96.    Hermann Scheven Haus                        Stadt herumbgelaufen, ver‑

97.    Diederich vom Hoffe Haus                     brannt.

98.    Steffen Schmölders Haus              111.  Joh. Mergenhagen Haus

99.    Job. Beckers Häusgen                          bis auf den Grund.

 

 

Ist also die ganze Stadt innerhalb weniger Stunden eingeäschert, ohne

die Kirch mit etwa 7 Häuser, auf der sog. Eulengassen gelegen.

 

Durch eine Eingabe vom 8. August 1714 schloß sich die Clevische

Regierung dem Gesuche des Drosten und der Stadt Neuenrade an, in­

dem sie dem König anheimgab, "ob Sie geruhen wollen, wie bräuchlich

in solchen Fällen, die Stadt mit zwölfjähriger Contributions‑Freyheit

zu begnädigen, nicht weniger in allen Dero Landen vor dieselbe eine

Collecte einsamblen zu lassen und sonsten darunter agst. zu resolviren,

was Dieselbe aus landesväterlicher hoher Gnade zum Trost dieser

armen Leute nötig und diensam erachten." Die Regierung erinnerte

dabei den König daran, daß Neuenrade "ohnedem. fast, das unver-­

mögenste Städtgen in Dero Grafschaft Marck ist," und daß nach dem

Brande von 1695 "denen verbrannten Leuten einig Korn aus dem Ma­-

gazin zu Wesel zugelegt" wäre, was wohl auch jetzt geraten sei, weil                       

"dieses Jahr Früchte, so theils bereits eingesamblet gewesen, (imFeuer)                    

mit consumiret worden".      

Was der König auf die verschiedenen Eingaben verfügt hat, ist nicht                 

bekannt; es findet sich darüber in dem alten Aktenstück keinerlei                     

Nachricht; wohl aber liegt bei diesen Schriften eine gedruckte Ver‑                    

fügung vom 20. Juni 1697, durch welche der Clevische Regierungsrat                 

aus Anlaß des Brandes von 1695 in den clevischen Landen eine Kollekte

für die abgebrannte Stadt Neuenrade angeordnet hatte.

 

Quelle: Heimatbuch der Stadt Neuenrade  1355-1955

          im Auftrag der Stadtverwaltung bearbeitet und zusammengestellt

          von Karl Junker;  darin „Der Brand von Neuenrade“

von Ferdinand Schmidt, Altena.

Mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchiv Neuenrade.

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